Mit dem Kind üben

Mein Kind will nicht üben?

Jedes Mal gibt's ein Riesentheater! Mein Kind weigert sich zu üben. Mit verschränkten Armen sitzt es unmotiviert auf dem Stuhl, schaut mich immer wieder mit drohenden Blicken an, möchte selber bestimmen, wann Schluss mit Üben ist ... Kurz: Die Lernatmosphäre ist angespannt, die Beziehung strapaziert. In der Praxis berichten Eltern immer wieder von solchen Erfahrungen, die Energie rauben und weder für Eltern noch für Kinder gewinnbringend sind. Am Schluss stehen beide da und sind frustriert. Ich bin selber Papa und weiss, wovon viele Eltern reden. Das muss nicht sein! Im Folgenden möchte ich ein paar Anregungen geben, damit die wenigen Minuten angenehm und erfolgreich erlebt werden.

Lernen hat mit Beziehung zu tun

Wir Menschen (auch Erwachsene!) suchen in erster Linie eine entspannte und angenehme Arbeitsatmosphäre. Konflikte wollen wir vermeiden. Sorgen Sie deshalb für eine Lernatmosphäre, die von Vertrauen, Respekt und liebevoller Zuwendung umgeben ist.

Achten Sie auf Botschaften, die Sie Ihrem Kind vermitteln, auch nonverbal. Vielfach fällt es Eltern schwer, mitanzusehen, wenn das Kind nach dem x-ten Anlauf denselben Fehler immer noch macht. In solchen Situationen rutschen Eltern Sätze aus wie: «Jetzt streng dich doch mal an» bis hin zu «Machst du es eigentlich absichtlich?» Solche Kritik aber auch die Körpersprache die Unmut zeigt (Augen verdrehen, genervter Blick, u.a.), spüren Kinder sofort und strapazieren die Lernatmosphäre massiv.

Ein Kind will Eltern gefallen und geliebt sein, unabhängig von seinen Leistungen. «Ich sehe deine Stärken und du darfst Schwächen haben» ist eine entscheidende Elternbotschaft, die für eine angstfreie Lernatmosphäre sorgt. Akzeptieren Sie die Lücken oder Schwierigkeiten, die Ihr Kind momentan hat. Bleiben Sie ruhig gelassen und schauen Sie vorwärts. Mit gezielter Übung helfen Sie Ihrem Kind, besser zu werden.

Lernen hat mit Kompetenz zu tun

Es ist ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen, sich kompetent zu fühlen. Kindern mit Lernschwierigkeiten fehlt es oft an diesem Kompetenzgefühl, was einhergeht mit einem geringen Selbstvertrauen. «Mathematik ist eh zu schwierig» oder «Ich mache sowieso wieder viele Fehler», heisst es dann. Mit einer negativen Grundeinstellung ist die Frustrationstoleranz gering. Da ist es verständlich, wenn Kinder das Handtuch werfen und gar nicht mit Üben beginnen wollen. Sie wollen sich schlicht Ärger und Frust ersparen.

Deshalb sind Erfolgserlebnisse besonders wichtig: Loben Sie Ihr Kind, zeigen Sie Freude, wenn ihm etwas gelingt. Fokussieren Sie sich auf die Fortschritte oder auf die Dinge, die es schon kann. Ein Beispiel: Ein Kind, 3. Klasse, liest mir vor. Seine Verunsicherung ist spürbar, seine Lesekompetenz ist für sein Niveau noch gering. Und trotzdem höre ich schon einiges Positives: «Wow, wie du beim Punkt die Stimme senkst, das machst du wunderbar. Und wie klar du die Wörter aussprichst, mega gut. Jetzt helfe ich dir, noch flüssiger zu lesen». Wie oft erlebe ich nach einem solchen Feedback Kinder mit strahlenden Augen. Solche Erfahrungen ermutigen das Kind, Herausforderungen anzunehmen. Denn es kann immer mehr auf seine Lernfähigkeiten vertrauen.

Lernen hat mit Anerkennung zu tun

Für viele Kinder ist das Üben mit viel Anstrengung verbunden, ähnlich wie für die meisten von uns das Ausfüllen der Steuererklärung. Ein erster Schritt zu einer Entspannung ist Verständnis aufzubauen. «Ich verstehe das gut, wenn du nicht üben willst, ich kenne das auch von mir. Gerade Dinge, die schwierig sind, machen nicht unbedingt Spass…» Anerkennen und respektieren Sie das negative Lerngefühl Ihres Kindes, das ist sein Recht. Erzählen Sie auch von Ihrer Schulzeit, von unliebsamen Fächern. Damit begeben Sie sich auf Augenhöhe, Ihr Kind fühlt sich ernst genommen, es darf so sein, wie es fühlt. Beziehung entsteht!

Zeigen Sie auch Verständnis für seine Übungszeit, die es in der Freizeit «opfern» muss. Spielen Sie nach jeder Übungssequenz mit Ihrem Kind fünf Minuten ein Spiel (UNO, Lotto, u.a.). Das steigert die Lernmotivation.

Lernen hat mit Führung zu tun

Manchmal kommt einfach Bequemlichkeit in die Quere. Das kennen wir Erwachsene genauso gut. Es ist normal, dass Kinder lieber spielen möchten und mehr Spass als Anstrengung suchen. Oftmals diskutieren wir zu viel mit den Kindern. Wir appellieren an ihre Vernunft mit Argumenten wie «Lernen ist doch so wichtig fürs Leben», die Kinder aber nicht sinngemäss einordnen können. Die Hirnforschung hat hier eine plausible Erklärung: Der vordere Hirnbereich (Vernunft) ist bei Kindern noch nicht ausgereift. Das heisst, Kinder sind nicht wie Erwachsene in der Lage, ihre Impulse zu kontrollieren oder langfristige Konsequenzen abzuschätzen. Erwarten Eltern von ihren Kindern, dass Sie vernunftgesteuert und einsichtig lernen - vor allem bei Tätigkeiten, die eher schwierig sind - werden sie oftmals enttäuscht.

Solange günstige Lernbedingungen bestehen, dürfen Eltern von ihrem Kind während fünf bis zehn Minuten verlangen, sich aufs Lernen einzulassen. Eine Mutter hat mir mal gesagt: «Fünf Minuten Lesen ist wie Zähneputzen, das gehört einfach zum Tagesprogramm. Denn ich weiss, dass ich meinem Kind dadurch den Schulalltag erleichtere». Mit dieser eisernen Haltung vermitteln Sie klare Orientierung und Sicherheit und geben dadurch wenig Raum für Diskussionen. Schenken Sie negativer Aufmerksamkeit also keine Beachtung. Bleiben Sie beharrlich und vermitteln Sie klar und gelassen die Botschaft: «Ich möchte mit dir jetzt üben und nicht diskutieren».

Vermeiden Sie es, durch den Raum zu rufen, in abschätzigem Ton zu reden oder eine unpassende Körpersprache zu zeigen. Auch ist es ungünstig, ein Kind aus einer geliebten Aktivität herauszureissen, um zu üben. Für viele Kinder ist es hilfreich, wenn Sie es fünf oder zehn Minuten vor der vereinbarten Trainingszeit daran erinnern.

Die Lernzeit-Müllzeit-Strategie

Eine hilfreiche Strategie für Ihr Kind, die Aufmerksamkeit gezielt auf das Üben zu lenken, ist die «Lernzeit-Müllzeit-Strategie». Sie ist für Kinder sehr verständlich und fördert zudem die Konzentration. Die «Lernzeit-Müllzeit-Strategie» unterscheidet drei verschiedene Zeiten:

• Lernzeit: Bei der Lernzeit ist das Kind konzentriert am Lernen/Üben, macht mit, zeigt Interesse und gibt sich Mühe, den Sachgegenstand richtig zu machen.

• Freizeit: In der Freizeit widmet sich das Kind Aktivitäten, das es gerne macht wie Fussball spielen, mit Freunden spielen, Gamen, usw. oder sonstige Hobbies. Spass und Unterhaltung stehen im Vordergrund.

• Müllzeit: Ist verschwendete Zeit. Diese produziert das Kind dann, wenn zum Beispiel Lernen angesagt ist, aber es schwatzt, blöd macht, verträumt aus dem Fenster schaut, u.a. Insofern ist es Müllzeit und keine Freizeit, weil das Kind die Ablenkungen letzten Endes nicht geniessen kann.

Ein Beispiel: Das Kind will mit Papa über Sinn und Unsinn dieser oder jener Hausaufgabe bzw. Lernübung diskutieren. Anstatt einfach loszulegen (Lernzeit), weigert es sich (Müllzeit). Ruhig und sachlich zeigt der Vater seinem Kind auf, dass ein Diskutieren oder Jammern jetzt wenig bringt, im Gegenteil: Freizeit geht verloren!

Oder ein Beispiel aus der Schule: Die Lehrerin erklärt etwas an der Wandtafel. Anstatt zuzuhören (Lernzeit), schwatzt das Kind mit seinem Pultnachbar lieber über das gestrige Champions-League-Spiel (Müllzeit). Natürlich hat es kurzfristig Spass, langfristig heimst es sich aber Ärger und Frust ein…

Die Unterscheidung dieser drei Zeiten versteht das Kind sehr gut. Die Strategie ist ein idealer Verhaltenskompass. Vielfach genügt die Rückfrage «Wo bist du grad, bei der Lernzeit oder bei der Müllzeit?» und das Kind kann seine Aufmerksamkeit ohne grossen Aufhebens in eine konstruktive Richtung lenken.

Zu guter Letzt

Die interaktiven Lernavanti-Übungen können für beide, für Sie und Ihr Kind als wertvolle Zeit erlebt werden. Kinder wollen gesehen und gehört werden. Zeit der Zweisamkeit zu verbringen, ist daher für Ihr Kind von unschätzbarem Wert. Wenn Sie es schaffen, die oben genannten «Lerngesetze» sinnvoll einzusetzen, erlebt Ihr Kind die Übungszeit als eine Zusage an seine Person. Im Sinne von «Mein Papa/ meine Mama wollen das Beste für mich. Sie wollen mich unterstützen, dass ich mich gut in der Schule fühle». Eine solche Zuwendung stärkt Ihr Kind im Selbstwertgefühl, das grösste Geschenk für Ihr Kind.